Das flexible Interview

Hinweise

Harvard Education Letter: Herbert P. Ginsburg: misconceptions about mastering early math

Cognitive Acceleration

Freedom Writers Foundation

Allgemeine Unterrichtsforschung: Evidenzbasierte Methoden der Unterrichtsdiagnostik und - entwicklung

Buchtipp: Die Unterrichtsprojekte von Constance Kamii

Projektskizze: Kerzen - Chemie und Mathematik

Unterrichtsmethoden im konstruktiven und systemischen Methodenpool (K. Reich)

Spielend denken, denkend spielen. Ganzheitliche, integrative Bildung zum Thema Geld (Schreiner, 2016)

Cognitively Guided Instruction CGI

Das flexible Interview und das Unterrichten

Flexible Interviews kommen in der dialogischen Förderdiagnostik und in der Prozessbegleitung während des Unterrichts zum Einsatz (siehe Hengartner, 1999; Mast & Ginsburg, 2010). Skepsis ist angebracht gegenüber Projekten, in denen Entwicklungspsychologie derart mit Fachdidaktik verknüpft wird, dass ein starres und technokratisch-niveauorientiertes Programm entsteht (Freudenthal, 1977, 1991; Fuson et al., 2010; Clement & Sarama, 2009). In Anlehnung an Wygotski (1986) steht nicht das aktuelle Niveau im Zentrum des Interesses sondern die maximal möglichen Handlungs- und Denkoperationen in der Ko-Konstruktion. - Die Methode ist etwas Ähnliches wie die Sprachspiele bei Wittgenstein (1980). Die genetisch-systemische Entwicklungspsychologie unterstützt die didaktische Analyse, auf die jeder Unterricht angewiesen bleibt (Klafki, 1996; Gruschka, 2002; Wittmann, 2002).

In Anlehnung an Masschelein & Wimmer (1996) gilt, dass Pädagogik durch das flexible Interview theoretisch und pragmatisch genauso dekonstruiert wird, wie die Psychologie im Arbeitsfeld und den Zwischenräumen der pädagogischen Praxis dekonstruiert werden muss.

Lernen und Entwicklung - extreme Pole (Tanner, 1978, zitiert nach Adey & Shayer, 1994, S.5)

Die Abbildung zeigt, dass das flexible Interview zu einem breiten Band von Interventionsmöglichkeiten passt. Gleichzeitig wird sichtbar, dass die Bedeutungen der eigentlichen Bildungsprozesse markante Unterschiede aufweisen. Sie reichen vom Lernen als konditionierter Manipulation bis hin zur ko-konstruktiven Entwicklung autonomer Subjekte.

An der HfH machten Studierende eine Explorationsstudie mit flexiblen Interviews zum Thema der Bruchzahlen (siehe Bruchzahlen verstehen).

In Praxisprojekten werden flexible Interviews als Forschungsmethoden eingesetzt. Christoph Linsi, Schulischer Heilpädagoge, kam in seinem Unterrichtsprojekt zu folgendem Schluss: "Eine gute Ergänzung dazu (gemeint sind standardisierte Tests, Anm. d.Verf.) sind die flexiblen Interviews, die weit vertieftere Informationen über den Stand der mathematischen Denkprozesse der Lernenden liefern als die obengenannten Tests" (2009, S. 60).

Grundsätzlich kann jeder Gegenstand der Bildung mit der Methode des flexiblen Interviews untersucht werden. Sie ist ein ausgezeichnetes Instrument, um Lernvoraussetzungen und didaktische Analysen in Echtzeit herzustellen. Sie untersucht auch Meinungen, Irrtümer und Vorurteile bei den Lernenden und den Lehrenden im Sinn der sokratischen Hebammenkunst (Koch, 2012).

flexibles Interview gruppal

Die Abbildung illustriert, wie mit dem flexiblen Interview in Gruppen das Beobachten, Befragen, Experimentieren und Testen gegenseitig erfolgt. Die Methode wird sozialisiert (vgl. Denis-Prinzhorn, Grize, 1966; Perret-Clermont & Nicolet, 2001; Perraudeau, 2002).

Die Projektmethode von Frey (2010) fördert die Entwicklung der dialogisch-kooperativen Prozesse im Unterricht mittel- und langfristig. Didaktische Arrangements wie der Klassenrat, mathematische Kolloquien, Schreibkonferenzen, Experimente in den Naturwissenschaften, ein Sitzkreis oder einfach ein Znünikreis bieten ausgezeichnete Möglichkeiten, um die Kompetenzen, die Sozialisation und die Autonomie zu fördern. Das flexible Interview ist in diesem Fall eine Methode der Prozessbegleitung.

Der Unterricht wird bedeutsamer und tragfähiger, wenn Schulpsychologinnen und Schulpsychologen und Schulische Heilpädagogen die Regelklassenlehrpersonen bei Bedarf unterstützen (vgl. Mast & Ginsburg, 2010). Das flexible Interview wird zum natürlichen Bestandteil des Unterrichts, es stärkt die Triangulierung zwischen den Lehrenden, den Lernenden und der Lernaufgabe, es fördert das Teamteaching und die Prozessbegleitung. Flexible Interviews sollen den Unterricht autonomer, 'leichter' und gleichzeitig kohärenter machen (Piaget, 1999; Kamii & DeFries, 1993).

Die Abbildung skizziert das Schema, in welchem die Handlungsaspekte der mathematischen Bildung (operieren und benennen; mathematisieren und darstellen; erforschen und argumentieren; siehe Lehrplan 21, Schweiz) mit den methodischen Dimensionen des flexiblen Interviews verknüpft werden.

Auf der andern Seite ist das flexible Interview eine kritische Methode (vgl. Ducret, 2004; Smith, 1999), weil sie das Verhalten der Lehrenden und der Prozessbegleiter im HInblick auf die zentralen Absichten der jeweiligen Interviews sowie der jeweiligen Situation in Frage stellt und der Reflexion über Qualität zugänglich macht.

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